n Sportvereinen sehen viele Eltern ihre Kinder gut aufgehoben. Doch auch hier ist sexueller Missbrauchs nicht selten. Die Täter, meist Trainer, nutzen das Vertrauensverhältnis aus. Sogar im Leistungssport leiden Athleten immer wieder unter sexuellen Übergriffen ihrer Ausbilder.

Es geschah im Zeltlager. Die Handball-Abteilung des ESV Ingolstadt hatte sich für fünf Tage an den Weicheringer Weiher nahe Neuburg an der Donau zurückgezogen. 30 Jungen und Mädchen im Alter von acht bis elf Jahren waren mitgefahren. Außerdem einige Betreuer, darunter Martin G. (Name von der Redaktion geändert). Mindestens fünf Mädchen lockte G. im Verlauf des Lagers in sein Zelt. Dort forderte er sie auf, sich auszuziehen, anschließend missbrauchte er sie. Im November 2009 gestand er vor Gericht seine Taten und wurde zu drei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt.

Auch der mutmaßliche Kinderschänder Christoph G., der sich im August des vergangenen Jahres der Polizei gestellt hatte und Jungen im Alter von sieben bis 15 Jahren zum Teil mit grober Gewalt sexuell missbraucht haben soll, fand seine Opfer in einem Sportverein. Und vor wenigen Tagen gestand ein Sporttrainer aus Linz, zwei zur Tatzeit minderjährige männliche Athleten missbraucht zu haben.

Ein Großteil sexueller Übergriffe kommt aus dem nahen sozialen Umfeld der Opfer, auch in Sportvereinen kommt es zu solchen Taten. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht, Opferverbände vermuten jedoch ein erhebliches Ausmaß. Im Verein können erste Annäherungsversuche geschickt getarnt werden: Scheinbar zufällig werden Kinder bei Hilfestellungen zwischen den Beinen oder am Busen berührt. Beim Umziehen oder Duschen fallen Blicke auf die Geschlechtsteile nur wenig auf.

Täter genossen im Verein großes Vertrauen

Potentielle Täter, die als Trainer oder Trainerin arbeiten, können gezielt Situationen herbeiführen, um ungestört mit den ihnen anvertrauten Kindern zusammenzutreffen. Trainingslager bieten sich an, aber auch Einzeltraining oder -gespräche. Meist genießen die Täter im Verein großes Vertrauen, ihr überdurchschnittliches Engagement lässt sie positiv dastehen, was es im Falle von Übergriffen für die Opfer schwermacht, Gehör und Glauben zu finden.

Elinor Burkett und Frank Bruni schrieben in ihrem 1995 veröffentlichten "Buch der Schande" über die Täter: "Sie sind Rattenfänger in ihrer Umgebung, die von den Kindern verehrt, und von den Eltern wegen ihrer Großzügigkeit, Geduld und ihrer Fähigkeit mit Kindern umzugehen, gepriesen werden." Diese Rattenfänger finden sich als Priester in der Kirche, als Lehrer in der Schule oder als Trainer im Sport. Opfer können oft erst über die Übergriffe sprechen, wenn sie sich selbst aus dem Vereinsumfeld gelöst haben oder die betreffende Person nicht mehr dort ist. Dann sind die Fälle häufig schon verjährt. "Der Druck ist vorher einfach zu groß", sagt Ursula Enders von der Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen, Zartbitter in Köln.

Dort sind in den vergangenen Jahren regelmäßig Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Trainer, Bademeister, oder Sportlehrer bekannt geworden. Zartbitter hat daher schon einige Broschüren und Aufklärungs-Cartoons zu diesem Thema veröffentlicht. Dennoch "ist der Wissensstand in pädagogischen Arbeitsfeldern in dieser Hinsicht auf RTL-Niveau", sagt Enders.

Auch im Leistungssport sind etliche Fälle bekannt

Im Jahr 2008 erfasste die Statistik des Bundeskriminalamtes insgesamt 12.052 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. Wie viele davon im Rahmen eines Sportvereins passierten, kann nur geschätzt werden. Es handelt sich bei den Tätern keineswegs nur um triebgesteuerte Menschen mit sexuellen Neigungen zu Kindern. "Meist sind sie heterosexuell und gewinnen eine Befriedigung daraus, andere zu erniedrigen", so Enders.

Doch es sind nicht nur kleine Sportvereine, in denen sexuelle Übergriffe passieren. Auch im Leistungssport sind etliche Fälle bekannt, bei denen Trainer ihre Machtstellungen und ihre Schutzbefohlenen missbrauchten.

So soll der renommierte Tennis-Trainer Régis de Camaret 13 seiner Spielerinnen sexuell missbraucht haben - teils über Jahre hinweg. Der berühmte Coach musste sich unter anderem wegen "Vergewaltigung einer Minderjährigen unter 15 Jahren" vor Gericht verantworten. Die meisten anderen Vorwürfe waren bereits strafrechtlich verjährt. De Camaret bestreitet jede Form der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen. Ende des vergangenen Jahres wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt - aus Mangel an Beweisen. Die Staatsanwaltschaft will in Berufung gehen.

1995 wurde ein bekannter Eiskunstlauftrainer wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in elf Fällen und Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Er hatte einer 17-Jährigen beim Training mehrmals an den Busen gefasst und ihr in die Hose gegriffen. Ein anderes Mädchen hatte der Trainer nach einer misslungenen Übung angebrüllt: "Du musst mal wieder ordentlich gefickt werden, damit du die Beine besser hochkriegst."

Auswirkungen auf seine Karriere hatte der Vorfall nur zeitweilig: 2002 nahm er seine Trainertätigkeit wieder auf und betreute auch wieder Spitzensportler.

Die Opfer leiden häufig ihr Leben lang.